Im Morast von Bulgarien

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Sommer der Migrationen – Teil 1

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In den Jahren 2012 bis 2014 hatte die Westbalkanroute, die im Sommer der Migrationen 2015 Schauplatz des hier beschrieben Durchmarschs der Migrantinnen werden sollte, noch keine große Bedeutung. Es schien, dass die griechische Regierung im Zusammenspiel mit Frontex die Lage im Griff hatte: der Grenzzaun bei Erdine und die Patrouillenboote auf der Ägäis drängten die Migrantinnen auf die harte und gefährliche Route über Bulgarien nach Ungarn. Einige tausend schafften diese Strecke, ganz überwiegend jüngere Männer, die trotz Misshandlungen durch die Bulgarische Polizei und trotz gewaltsamer Rücktransporte in die Türkei ihr Glück versuchten.

Die folgende von Frontex veröffentlichte Karte zeigt die Situation in den Jahren 2012 und 2013: die Passagen auf der Ostbalkanroute waren auf 12.000, die Passagen auf der Westbalkanroute auf 4.000 angestiegen – so viele wie im Spätsommer des Jahres 2015 an einem einzigen Tag.

Abb.01

Abbildung 1: Migrationsbewegungen nach Europa 2012 und 2013 [Frontex]

Im Jahre 2014 stieg die Zahl der Durchreisen über den Balkan langsam, aber kontinuierlich. Die bulgarische Regierung beschloss im Januar 2015 den Bau eines Zauns an der Grenze zur Türkei.

„Swetozar Lasarow, zweiter Mann im Innenministerium und großer Verfechter des Zaunbaus, wies unlängst darauf hin, dass sich in der Türkei mehr als eine Million Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak aufhalten. Ihre „natürliche Route“ nach Europa führe über Bulgarien. Die Kosten von 40 Millionen Lewa (20,5 Millionen Euro) werde der Zaun in weniger als zwei Jahren wieder eingespart haben, warb Lasarow für seinen Vorstoß, weil dann die mehr als 1500 aus dem ganzen Land abgezogenen und an die Grenze entsandten Polizisten wieder an ihre üblichen Einsatzorte zurückkehren könnten.“1

Ab dem 1. April wurde den Migrantinnen, die in Bulgarien Asyl beantragt hatten, die spärliche Sozialleistung von 33 € monatlich gestrichen. Der Weg durch „den Morast Bulgarien“ war durch Rückweisungen an der türkischen Grenze, durch Polizeiübergriffe und durch Schüsse auf Migrantinnen geprägt. Dennoch kamen im Oktober und November 2015 noch 2-300 Migrantinnen täglich über die Grenze nach Serbien.

Most of the refugees, crossing via Bulgaria, arrive in Dimitrovgrad, a little town, that is 4 km from the Serbian-Bulgarian Border and 60m away from Sofia, the capital of Bulgaria. They have to register at a camp, that is managed by the Serbian border police. Registered people have to leave the country within three days. Some are walking days before they finally arrive the police station. Taxi Drivers are waiting in front and offer a ride to Belgrade for 200 €. Usually they buy a bus ticket to Belgrade for 25 Euro, money that is sometimes provided by volunteers. The volunteers camp is located in the same area as the police station with the tent of the red cross and the presence of the UNHCR. At the end of the working day, the representation of the UNHCR and the Red Cross closed before 4 pm.

Roughly 300 people, later trying to move on for seeking shelter in other European countries, are arriving in Dimitrovgrad day by day. Most of them are young men, nevertheless, from time to time, there are families that arrive with them. Two unaccompanied minors, Jamal and Sami*, explained what they witnessed in the region at the Turkish-Bulgarian border: „We saw two dead bodies laying on the ground. They did not look well anymore. After the police caught us, they were cutting our backpacks.“2

Es sind mehrere Faktoren, die dazu beitrugen, dass sich die unwirtliche bulgarische Route nach Westen verlagerte. Ganz sicher war der wichtigste Faktor, dass die Abwehr der Migrantinnen in Griechenland mit dem Wahlsieg der Syriza im Januar 2015 einbrach und die Kooperation der griechischen Regierung mit Frontex nicht fortgesetzt wurde. Allein schon deshalb sei Syriza gepriesen! Aber auch die türkischen Schlauchbootagenten reagierten stante pede. Die Passage über die Ägäis wurde machbar, auch für Familien, sogar für Alte, für teuer Geld. Wie viele Menschen starben, weil sie auf Schlauchbooten die Ägäis überqueren mussten – statt auf den Fährten, die täglich fuhren, zu denen sie aber keinen Zugang hatten – und warum sie mehr als tausend Euro für die Passage bezahlen mussten statt der 25 €, die die Fährverbindung zwischen Ayvalik (Türkei) und Mytilini (Griechenland) kostet, steht auf einem anderen Blatt.

Natürlich war Syriza nicht der wichtigste Grund für den epochalen Anstieg der Passagen über die Ägäis. Vielmehr mussten zahllose Menschen, die in den Nachbarländern Syriens auf ein Ende des Kriegs gewartet hatten, im Jahre V der Arabellion erkennen, dass sich ihre desolate Lage auf absehbare Zeit nicht ändern würde. Eine Rückkehr würde auf Jahre hinaus nicht möglich sein. Ihre Kinder wären eine verlorene Generation. Die Kürzung der Rationen in den Lagern rund um Syrien und zunehmende Feindseligkeiten gegenüber den syrischen Flüchtigen in den Nachbarländern kamen hinzu. Und hinter allem stand immer noch das Selbstbewusstsein einer Bevölkerung, die das Assad-Regime herausgefordert hatte und die das Recht der Arabellion auf ihrer Seite wusste. Im Mikrokosmos der Abwägungen, die im Entschluss zum Aufbruch mündeten, spielte die Möglichkeit, leichter und einigermaßen sicher über die Ägäis zu gelangen, eine wichtige, aber nicht die allein ausschlaggebende Rolle.

Von der Situation in der Türkei und an deren Grenzen soll hier nicht die Rede sein, ebenso wenig wie von den Lebensbedingungen der Migrantinnen auf den griechischen Ägäisinseln. Die Hilfe seitens der Inselbevölkerung, die Rettung durch Fischerboote, das Engagement der internationalen Gruppen von Volunteers, die Durchsetzung eines regelmäßigen Fährverkehrs zum Festland und der Bustransporte weiter nach Idomeni sind eine eigene Geschichte. Zu dieser Geschichte gehören auch die jüngsten Versuche der Syriza-Regierung, im Herbst der Migrationen Hot Spots einzurichten und die große Migrationsbewegung mit Hilfe von Frontex in der Ägäis zu ertränken.

Im Sommer der Migrationen indes waren die Migrantinnen, die ihr Leben für ein besseres Leben und für eine bessere Zukunft einsetzten und die ihr Right to Move als selbstverständliches Recht eines jeden Menschen präsentierten und durchsetzten, schon allein aufgrund ihrer großen Zahl im Vorteil. Sie bevölkerten die Parks und Plätze von Athen und Thessaloniki, und es hätte sich vielleicht ein zweites Tahrir entwickelt, in einer Mischung von Migrantinnen und geschundener griechischer Bevölkerung, das auch Syriza nicht mehr hätte kontrollieren können.


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