Minenfelder

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Sommer der Migrationen – Teil 5

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Dass die ungarische Rechtsregierung unter Orbán, so wie vorher schon Bulgarien, einen Zaum bau­en würde, um den Durchmarsch auf der Westbalkanroute zu brechen, war bereits im Juni ange­kündigt worden.1 Für den Bau des Zauns wurden tausende Soldaten und Strafgefangene mobili­siert2, das Überwinden und Beschädigen der Grenzanlagen sollte mit Gefängnisstrafen geahndet werden.3 Dennoch blieb die Situation bis zum Montag, dem 14.09., dem Tag des Grenzschlusses bei Röszke, noch geradezu beschaulich – hier die Beschreibung von Thomas Schmid, der sich wenige Tage zuvor an der serbisch-ungarischen Grenze aufhielt:

Am weißen Grenzstein

Einige Flüchtlinge wirken erschöpft, andere wie nachdenkliche Sonntagsspaziergänger. Hinter der ersten Gruppe kommt eine zweite, eine dritte, und auch schon die vierte ist erkennbar. Sie alle nehmen vom weißen Grenzstein kaum Kenntnis, auch nicht vom hölzernen Wachturm aus kom­munistischer Zeit, der aus dem Schilf ragt. Sie ziehen weiter gen Norden, werden wieder kleiner und kleiner, bis sie nur noch als Punkte wahrnehmbar sind.

Natürlich wissen sie, dass sie gerade die Grenze zwischen Serbien und Ungarn überschritten ha­ben. Denn wenige Meter hinter dem Grenzstein funkelt links und rechts des Bahndamms ein neu­er Zaun aus Nato-Draht mit scharfen Klingen. Da zwischen Szeged (Ungarn) und Subotica (Ser­bien) in beide Richtungen dreimal täglich ein Lokalzug verkehrt, gibt es hier eine Lücke im 175 Kilometer langen Zaun, der – sieben Wochen nach Baubeginn – am Wochenende fertiggestellt wurde. „Europa muss den Europäern gehören“, hatte Ungarns rechtspopulistischer Premier Vik­tor Orbán befunden. Es scheint, als hätte er schon vergessen, dass vor gerade mal 26 Jahren in seinem Land ein Zaun abgebaut wurde, der den Osten vom Westen trennte.

Zwischen 2000 und 3000 Flüchtlinge, manchmal auch mehr, kommen zurzeit täglich über die Grenze nach Ungarn. Vermutlich 90 Prozent von ihnen auf dem eingleisigen Schienenstrang zwi­schen Szeged und Subotica. Auch der ungarische Grenzschutz, der auf dem Feldweg vor dem Zaun patrouilliert, weiß von der Lücke. Als ein ungarisches Fernsehteam auftaucht, sind umge­hend sechs Polizisten mit einem Schäferhund zur Stelle und machen das Schlupfloch dicht. Die un­garische Polizei, soll das Fernsehpublikum glauben, lässt keinen rein, stellt sich dem Ansturm von Flüchtlingen entgegen, verteidigt das Vaterland gegen jene, die Staatspräsident János Áder vor Kurzem ‚Belagerer‘ genannt hat.

Dass das von Türken belagerte Budapest 1541 kapitulierte und danach anderthalb Jahrhunderte lang zum Osmanischen Reich gehörte, weiß in Ungarn jedes Schulkind. Nein, diesmal werden es die ‚Belagerer‘ – wieder sind es Muslime, vor allem Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan – nicht schaffen, so die unterschwellige Botschaft.

Als das TV-Team den Bahndamm verlässt, ziehen sich auch die Polizisten wieder zurück. Sie wis­sen, dass sie in Wahrheit niemanden aufhalten können. Dass der Zaun nur im Fernsehen funktio­niert.

Die nächsten Flüchtlinge kommen über den Schienenstrang, ziehen am Grenzstein vorbei nach Norden. Nach etwa zwei Kilometern überquert eine Straße die Bahnlinie. Dort wartet die Polizei mit Bussen. Die Ankömmlinge werden ins Transitlager ins Grenzdörfchen Röszke gebracht und dort registriert.

Wer aber seinen Fingerabdruck in Ungarn hinterlässt, kann später nach Ungarn zurückgeschickt werden. Immerhin hat Deutschland vergangene Woche beschlossen, zumindest keine Syrer mehr zurückzuschicken. Es hat sich unter den Flüchtlingen herumgesprochen. So verlassen vor allem Jugendliche aus Afghanistan, Pakistan und Irak den Bahndamm wenige Meter vor der Grenze, schlagen sich in die Büsche und warten auf eine günstige Gelegenheit, um über den Zaun nach Ungarn zu klettern.

Das ist nicht allzu schwierig, der Zaun ist nicht einmal mannshoch. An zahlreichen Stellen liegen schmutzige Jacken, zerrissene Schlafsäcke, blutbefleckte Decken über der obersten der drei auf­einandergestapelten Stacheldrahtrollen. Mit etwas Vorsicht und Geschick übersteigt man an die­sen Stellen den Zaun, ohne von den winzigen Messern verletzt zu werden. Kinder schlüpfen unten durch oder werden über den Zaun gereicht. Unter den Augen und Kameras der Journalisten ren­nen sie über den Feldweg, auf dem die Grenzer patrouillieren, ins nahe Unterholz. Die meisten von ihnen werden wohl später bei einer Kontrolle auf der Landstraße oder in Szeged aufgegriffen und zwecks Registrierung in ein Transitlager gebracht. …

Belegte Brote und Internet

Während die Regierung einen offen ausländerfeindlichen Diskurs führt, kümmert sich in Szeged eine kleine Gruppe um die Menschen, die vor Krieg und Elend geflohen sind. Etwa 70 Helfer ha­ben sich über Facebook zusammengefunden. In ihrer Holzbaracke schmieren sie Stullen und bie­ten freien Internet-Zugang an. Und immer, wenn ein Bus vom Transitlager in Röszke vor dem Bahnhof hält, eilen sie den Flüchtlingen mit Brötchen und Wasser entgegen.

Florentina, die sonst für den Malteser Hilfsdienst arbeitet, teilt Suppe aus. Leila, eine Iranerin, die an der Universität Szeged Medizin studiert, verbindet diejenigen, die sich am Zaun verletzt haben. Timea, Rechtsanwältin, bietet juristische Hilfe an. Balázs warnt die Ankömmlinge vor Schleppern, die von der Polizei unbehelligt auf dem Bahnhofplatz auf Kunden warten.

Allen registrierten Flüchtlingen stellt die Polizei ein kostenloses Zugticket nach Debrecen, Bicske oder Vámosszabadi aus. Dort, weit im Landesinnern, befinden sich die drei Lager, wo die Flücht­linge bleiben müssen, bis über ihren Asylantrag entschieden ist. Doch ein neuer Gesetzentwurf sieht vor, die Asylverfahren künftig in grenznahen Transitzonen abzuwickeln.

Jede Stunde fährt in Szeged ein Zug ab, und noch hat jeder Zug einen Waggon für Flüchtlinge re­serviert. Kaum einer von jenen, die über den Bahndamm oder über den Stacheldrahtzaun kom­men, wird im Lager für Asylsuchende anklopfen. Sie wollen alle in Budapest aussteigen, sich über Österreich weiter durchschlagen, die meisten von ihnen nach Deutschland.4

Abb. 22

Am Grenzstreifen zwischen Ungarn und Serien war es Mitte der Woche zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Flüchtlingen gekommen. – Foto: AFP

Der Grenzschluss selbst, so sicher er erwartet worden war und so wenig spektakulär es erschien, als an jenem 14.09. ein stacheldrahtbewehrter Güterwagon wie ein Pfropfen in die letzte Lücke des Zauns geschoben wurde, setzte dennoch eine Kette von Ereignissen in Gang, und ein gutes Ende war nicht abzusehen. Die ungarische Regierung rief einen sogenannten ‚Einwanderungs-Krisenfall‘ aus, für den sie erst wenige Tage zuvor die gesetzlichen Grundlagen geschaffen hatte.5 Die Lager wurden geleert, die (vermeintlich) letzten Migrantinnen in Sonderzüge gesteckt und vor der öster­reichischen Grenze abgesetzt.6 Deutschlands Innenminister hatte quasi in einer Gemeinschaftsaktion mit der Orbán-Regierung das Signal gesetzt für eine erneute hektische Staffel von Reaktionen. Am Tag des ungarischen Grenzschlusses zogen an der Grenze Bayerns zu Öster­reich Kontrollen auf und der Zugverkehr wurde, mit Hinweis auf das Oktoberfest in München, aus­gesetzt. Der deutsche Innenminister deutete an, dass es sich bei den Grenzkontrollen um einen Dauerzustand handeln könnte.7 Es war aber – und das muss festgehalten werden – keine Schließung der deutschen Grenzen, und die Grenzen wurden auch in den Folgemonaten zu keinem Zeitpunkt wirklich dicht gemacht.

Abb. 24

Ungarische Polizei geht in Röszke mit Tränengas gegen Flüchtlinge vor …

Die Auseinandersetzungen am ungarischen Zaun bei Röszke am Tag nach dem Grenzschluss, am 15.09., waren kurz, aber heftig. Ungarische Hundertschaften gingen mit Wasserwerfern und Trä­nengas gegen zum Teil vermummte Flüchtige vor, die ihrerseits versuchten, den Zaum niederzureißen.8 Aus dem Blickwinkel von Aktivistinnen aus Halle (Saale) hier ein Bericht – ausführlich, weil er die Ambivalenz der Ereignisse, zwischen Militanz und Verzweiflung, auf eindrucksvolle Weise verdeutlicht:

Durch eine Art Palisade (Zaun und Natodraht) ist die Grenze hier verschlossen. Rund um die Uhr bewachen ungarische Militärbeamte auf ihrer Seite den Übergang. Immer wieder gibt es lautstarke Proteste der Flüchtenden. Vor allem aber erschöpfte Reisende: Tausende Menschen sitzen in der Dunkelheit. Manche mit Zelt, manche mit einem Schlafsack, einer Decke oder Isomatte, viele aber auch mit nichts. Einen Platz zum Schlafen bietet nur der kalte Boden. Es ist für uns alle ein Schock – uns war nicht bewusst, was uns hier erwartet.

Binnen kürzester Zeit haben wir noch am selben Abend alle unsere Sachspenden verteilt. Gereicht hat es gerade mal für einen Bruchteil der Anwesenden.

Dies ist der Anfang einer Reihe von dramatischen Tagen und Nächten, die uns im Nachgang wie Wochen erscheinen werden.

Der nächste Morgen: Der Eindruck vom Vorabend verschlimmert sich bei Tageslicht. Dies ist eine humanitäre Katastrophe. Viele der Menschen sind seit Wochen auf der Flucht und völlig erschöpft, unter ihnen auch viele Alte, Kranke und Kleinkinder. Die hygienischen Zustände sind unzumutbar und die meisten Menschen, die wir sehen, haben weder Wasser noch Nahrung, was bei 35°C lebensgefährlich ist.

Abb. 30

Fotostrecke in der Zeit unter dem Titel ‚Endstation Röszke‘

Weder der UNHCR noch andere größere Hilfsorganisationen sind vor Ort, lediglich die ‚Ärzte ohne Grenzen‘ und eine kleine dänische Organisation haben ein Medizelt aufgestellt. Und so starten wir den Versuch einer – wenn auch minimalen – Grundversorgung, gemeinsam mit einigen HelferInnen aus anderen europäischen Ländern und ein paar der anwesenden Flüchtenden. Ein kleines leerstehendes Zollgebäude wird zu Sammellager und Verteilstelle für Sachspenden, Wasser und Lebensmittel. Davor beginnt eine Feldküche, warmes Essen zuzubereiten. Und auch kleine medizinische Hilfen gehören zu unseren Tätigkeiten, insbesondere wundgelaufene Füße gilt es zu versorgen und zu verbinden. Während dieser Behandlungen finden wir am ehesten Zeit für intensive Begegnungen mit den Menschen. Auch mit Kindern, die, so finden wir, oft kaum noch kindliche Regungen zeigen. Wir lernen auch Mahmud, einen 15-jährigen Basketballer aus Damaskus kennen. Er spielte dort in der syrischen Nationalmannschaft und hilft uns in den folgenden Tagen mit Übersetzungen ins Arabische. Wohin seine Reise weiter verlaufen ist, wissen wir leider nicht.

Am Nachmittag eskaliert die Situation. Die Sondereinheiten der ungarischen Polizei, die komplett vermummt bereits am Morgen neben den Grenzbeamten aufgetaucht sind, provozieren Auseinandersetzungen mit den Flüchtenden an der Grenze. Ein Wasserwerfer schießt in die Menge – aber nicht nur mit Wasser, sondern auch mit CS-Gas. Das zuvor besorgte Wasser muss nun dafür verwendet werden, den Verletzten die Augen auszuspülen. Mehrere Menschen, darun­ter eine schwangere Frau, kollabieren, Mütter suchen verzweifelt nach ihren in den Tränengas­wolken und im allgemeinen Tumult verlorengegangenen Kindern, Verletzte werden von Sanitä­terInnen verarztet. Drei serbische Krankenwagen kommen hinzu, um die Verletzten zu versorgen – doch selbst diese werden bei einer weiteren Tränengasattacke vom ungarischen Militär gezielt beschossen. In diesem Chaos gehen unsere Feldküche und das Materiallager völlig unter und letz­teres ist durch das Tränengas nicht mehr zu benutzen. Wir versuchen zu retten, was zu retten ist und in einem anderen leeren Gebäude unterzubringen. Und in all dem Chaos der Katastrophen­journalismus.

Ab Mittwoch Abend und im Verlauf des Donnerstags leert sich der Ort schon wieder. Die Men­schen werden mit Bussen erst zu einem offiziellen Lager des UNHCR in Kanjiža gebracht, von wo aus sie per Reisebus (die Tickets kosten 25€, am Vortag waren es noch 20€) zur kroatischen Grenze, wahrscheinlich nach Bezdan und Šid, weiterreisen können. Erstaunlich gelassen und hilfsbereit bei all dem zeigt sich im Zuge dessen die serbische Polizei, vor der wir im Vorhinein noch extra gewarnt worden sind. Im Gegenteil dazu werden uns die MitarbeiterInnen des Camps in Kanjiža, als wir uns einen Eindruck der Versorgungslage im Camp machen wollen, sehr un­freundlich des Geländes verweisen.9

Diese Auseinandersetzungen vor Röszke vom 15.09. waren ein starkes Signal der Entschiedenheit, eine nachhaltige Warnung an die Sicherheitskräfte, auch wenn die Spezialtruppen letztlich die Stel­lung hielten. Sie währten nur vom Mittag bis zum Abend – nicht nur wegen der Präsenz der unga­rischen Spezialeinheiten und der drakonischen Strafen, welche auf die Beschädigung der Grenzan­lagen angedroht waren, sondern auch, weil es abseits des Hauptschauplatzes noch zahllose Lücken im Zaun gab.

Abb. 31

Fotostrecke in der Zeit unter dem Titel ‚Den Zaun überwunden‘

Während die letzten Refugees unter dem Zaun zwischen Serbien und Ungarn hindurchkrochen, Kinder und Säuglinge über den Zaun hinweg gehoben wurden und andere ihr Glück an der Grenz­station selbst versuchten, setzte Serbien Busse ein, um die Migrantinnen von diesem Schauplatz fort und in Richtung Kroatien zu transportieren. Serbien machte sich auf diese Weise nicht zum Komplizen der ungarischen Abwehrpolitik. Man leitete die aus Presevo kommenden Flüchtlings­busse kurzerhand nach Sid um, aber dies ohne Rücksicht auf die begrenzten Kapazitäten des Nach­barstaats Kroatien.

Eine Zwischenbilanz vor Ort, verbunden mit einem Hilferuf, zog No Border Serbia:

The situation is changing rapidly, it is very chaotic and hard to follow what is going on. After the brutal police attack at Horgos almost all people left to Croatia. Approx. only 100 people stayed there waiting for a chance to cross. There are 21 persons in prison in Hungary they were arrested at Horgoš when they broke tough the gate. We dont know exactly the accusations but probably they‘ll try to criminalize them on the worst way. If anybody can do something, they need international support!10

Kroatien ist indes ein Land, in dem die Minenfelder, die vom Jugoslawienkrieg her stammen, noch nicht geräumt sind. Serbien und Kroatien waren über die Jahre gegeneinander unverändert feind­lich gesinnt, so dass für eine Räumung keine Notwendigkeit gesehen worden war.

Abb. 32

Immerhin rea­gierte die kroatische Regierung zunächst positiv und zeigte sich bereit, an der ungarischen Barbarei nicht mitzuwirken:

Ungarn hat seine Grenzen dicht gemacht, nun suchen sich die Flüchtlinge neue Wege nach Euro­pa. Tausende Menschen wollen über Kroatien nach Westeuropa gelangen. Zu Fuß machen sie sich auf den Weg – doch die Route ist gefährlich, denn der kroatische Boden ist gerade in den Grenzregionen noch mit Zehntausenden Landminen aus dem Balkankonflikt verseucht. Jetzt rea­gieren die kroatischen Behörden und schicken laut Nachrichtenagentur Reuters Minenräumer an die serbische Grenze.11

Und die taz berichtete:

Kroatien will Flüchtlinge anders als Ungarn Richtung Westeuropa reisen lassen. Ministerpräsi­dent Zoran Milanovic sagte am Mittwoch vor dem Parlament: Die Flüchtlinge „dürfen Kroatien passieren und wir arbeiten intensiv daran, das zu ermöglichen“. Er fügte hinzu: „Wir sind bereit, diese Menschen anzunehmen und zu leiten.“ Bereits jetzt seien 150 Menschen nach Kroatien ge­kommen, um die geschlossene ungarische Grenze zu umgehen.12

Statt der 150 Menschen kamen am nächsten Tag 8000. Die serbischen Busverbindungen führten nun nicht mehr von Presevo nach Belgrad, dort Umsteigen nach Subotica, sondern es wurde eine direkte Busverbindung von Presevo quer durchs Land nach Sid eingerichtet. Von dort ging es 10 km zu Fuß weiter zum kroatischen Grenzort Tovarnik. Eine Gruppe von mehreren hundert Migran­tinnen durchbrach die kroatische Absperrung und drängte zur Bahnstation von Tovarnik, wo die Menschen zunächst auf freier Fläche kampieren mussten.13

Eine Kollegin, die sich in Tovarnik, einem kroatischen Dorf an der kroatisch-serbischen Grenze aufhält, hat uns gerade von der dortigen Situation berichtet. Sie sagt, dass es sich um eine huma­nitäre Katastrophe handelt.

Ihren Schätzungen zu Folge halten sich am Bahnhof mindestens 2.000 Flüchtlinge auf, im Dorf selber seien es nochmal so viele. Die kroatische Polizei blockiert aber den Zugang zum Dorf, wes­wegen die Flüchtlinge, unter ihnen viele Kinder und alte Menschen, teilweise schon seit Tagen am Bahnhof verbleiben müssen.14

Abb. 33

Zwischenstation in Sid

Über die unhaltbaren Zustände am Bahnhof Tovarnik berichtet auch die Gruppe aus Halle:

Ein seit dem Nachmittag bereitstehender Zug ist völlig überfüllt. Bereits am Nachmittag war es zu heftigen Tumulten um den Zug gekommen, da den anwesenden Wartenden klar wurde, dass nur ein Teil von ihnen mit diesem Transportmittel würde weiterreisen können.

In einem der Waggons lassen sich die Fenster nicht öffnen und die Belüftung fällt aus, der Sauer­stoffgehalt im Innern sinkt rapide. Die Fenster beschlagen bereits, Menschen schlagen von innen an die Scheiben. Uns wird das Ausmaß der Katastrophe klar und wir greifen ein – denn an bei­den Türen stehen kroatische PolizistInnen und lassen die Menschen nicht aussteigen. …

Noch in derselben Nacht kommt es im Dorf in Tovarnik ebenfalls zu tragischen Szenen. Mitten in der Nacht kommen mehrere Reisebusse an. Die Polizei erteilt den Befehl, dass zuerst Frauen und Kinder die Busse besteigen sollen, so dass etliche Familien getrennt werden. Ein Mann berichtet uns, dass er bereits zum dritten Mal innerhalb von knapp zwei Wochen seine Familie verloren hat und nun wieder nicht weiß, wo sie ist; weder beim Besteigen der Züge noch bei der Verteilung in Busse wird den Flüchtenden mitgeteilt, wohin sie gebracht werden.
Da bei weitem nicht alle Menschen einen Platz im Bus bekommen, müssen mehrere Hundert Zu­rückgebliebene die restliche Nacht auf der Straße schlafend verbringen. Unsere letzten zehn Decken wickeln wir um Säuglinge und Kinder, die auf dem blanken Boden liegen.15

Ein Teil der serbischen Busse fuhr über Sid hinaus 10 km bis vor den kroatischen Grenzort Baps­ka. Von dort aus waren es 20 km zu Fuß bis zum eilends in einer alten Mineralölfabrik errichteten Auffanglager in der Nähe des Dorfes Opatovac. Hier noch einmal der Bericht der Aktivistinnen aus Halle:

Bis in die späten Morgenstunden sind wir auf der Landstraße unterwegs und verteilen aus dem Beifahrerfenster unsere Lebensmittel und versuchen Kraft zu spenden: Es ist nicht mehr weit. Dabei sehen wir viele Menschen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Sie tragen all ihre Habseligkeiten bei sich, manche lassen vor Erschöpfung sogar ihre Taschen zurück und tra­gen nur noch sich selbst. Die Landstraße zum Lager zieht sich für die sicherlich übermüdeten und mangelernährten Menschen ewig hin. Immer wieder werden wir gefragt, wie lange es noch sei. Von dem Ankunftsort der Busse an der Grenze bis nach Opatovac sind es Berichten zufolge zwi­schen acht und zwanzig Kilometer.

Ziehen wir eine Zwischenbilanz dieser Tage zwischen dem 14. und dem 17.September, so muss bei allem Elend, das hier beschrieben wurde, doch festgehalten werden, dass in einer zwischen serbi­schen und kroatischen Stellen abgestimmten Aktion verhindert wurde, dass die Migrantinnen sich in den Minenfeldern verloren. Es waren hektische Tage nicht nur auf den Straßen jenseits von Sid, sondern auch auf diplomatischer Ebene. Zagreb protestierte gegen Belgrad und Budapest, und der Papst rief zur Barmherzigkeit auf.16 Nach drei bangen Tagen stellte sich Zagreb aber auf die neue Situation ein – und zwar auf eine Weise, die nicht vorhersehbar gewesen war: Am Freitag dem 18.09. und in der folgenden Nacht wurden tausende Migrantinnen mit Zügen und Bussen an ver­schiedene nicht gesicherte Grenzorte gebracht und zur ungarischen Grenze eskortiert. In den fol­genden vier Wochen entwickelte sich ein staatlich organisierte Fluchthilfe, die im folgenden Kapitel beschrieben werden soll. An die hundert Sonderzüge und etliche Busse wurden eingesetzt. Damit war die Orbán-Regierung bereits vier Tage nach dem Grenzschluss von Röszke erneut in die Defen­sive geraten und es blieb ihr nichts übrig, als sich der gleichen Bauernschläue zu bedienen wie die kroatische Regierung. Die Migrantinnen wurden fortan in drei bis vier Sonderzügen täglich ohne weitere Registrierung an die österreichische Grenze gebracht, nach Hegyeshalom, an den Übergang nach Nickelsdorf.

Die Ereignisse von Röszke führten aber zugleich zu einer unter den Sicherheitskräften über die un­tereinander verfeindeten Länder hinweg auf der gesamten Strecke sich verallgemeinernden Auffas­sung, dass man den Strom der Migrantinnen zwar nicht aufhalten konnte, es sei denn um einen sehr hohen und international geächteten Preis, aber dass man in einem Regime von Disziplinierun­gen immerhin versuchen konnte, den ‚Strom‘ zu kontrollieren und zu lenken. Militär fuhr auf, Panzerwagen sollten die Migrantinnen einschüchtern, es wurden Unterwerfungsrituale inszeniert: Absperrungen errichten, die Refugees zwingen, sich auf den Boden zu setzen, sie hungern lassen, Antreten in Zweierreihen, antreibende Yalla Yalla Rufe wie beim Viehtrieb und dergleichen mehr.

Die folgenden Bilder aus Opatovac, aufgenommen von Aktivistinnen aus Norddeutschland, ver­deutlichen, was gemeint ist.

Abb. 25

Abb. 27

Aber die Aktivistinnen beobachteten in Opatovic nicht nur die Beamten, die sich vor den niedersit­zenden Migrantinnen in Siegerpose gegenseitig ablichteten, sondern auch Demonstrationen der Würde, die nur durch diese Fotos der Vergessenheit entrissen werden. Der Text auf den Schildern ist kaum erkennbar, weil der Filzstift zu ende ging:


[1] http://ffm-online.org/2015/06/18/ungarn-eu-zaun-gegen-serbien/
[2] http://ffm-online.org/2015/09/11/ungarn-mobilisiert-tausende-soldaten-fuer-zaunbau/
[3] http://derstandard.at/2000021485062/Ungarn-will-Fluechtlinge-an-Grenze-internieren
[4] http://www.berliner-zeitung.de/politik/eu-aussengrenze-wie-ungarn-den-fluechtlingsstrom-aufhalten-will,10808018,31630258.html
[5] http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/fluechtlinge-suchen-sich-neuen-weg-nach-europa-13803713.html. Ein Überblick über die Aktivitäten der Orbán-Regierung bis zum ersten Oktober findet sich beim Pester Lloyd unter http://www.pesterlloyd.net/html/153newsticker2.html
[6] http://www.theguardian.com/world/2015/sep/14/hungary-refugees-austria-border-clampdown
[7] http://ffm-online.org/2015/09/14/deutschland-macht-dicht-vor-dem-oktoberfest/
[8] Videos von diesem Schauplatz unter http://ffm-online.org/2015/09/17/bilder-von-der-serbisch-ungarischen-grenze/, ferner ein blog unter http://pesterlloyd.net/html/1538ausschreitungen.html
[9] http://ffm-online.org/2015/10/28/entlang-der-balkanroute/
[10] https://noborderserbia.wordpress.com/
[11] http://www.spiegel.de/politik/ausland/kroatien-schickt-minenraeumer-an-grenze-zu-serbien-a-1053148.html
[12] http://www.taz.de/Kroatiens-Umgang-mit-Fluechtlingen/%215233702/
[13] http://nos.nl/artikel/2058240-honderden-vluchtelingen-breken-door-barricade-in-kroatie.html
[14] http://bordermonitoring.eu/verein/2015/09/kurzbericht-von-der-kroatisch-serbischen-grenze/
[15] http://ffm-online.org/2015/10/28/entlang-der-balkanroute/
[16] http://www.dw.com/de/kroatien-schiebt-tausende-flüchtlinge-nach-ungarn-ab/a-18724091?maca=de-rss-de-news-1089-xml-mrss

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