March of Hope

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Sommer der Migrationen – Teil 4

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Bahnhof Budapest Keleti, in der Nacht von Freitag, 4. September, auf Samstag, 5. September 2015. Kurz nach Mitternacht. Busse des öffentlichen Nahverkehrs kommen an, von Ungarns Re­gierung geschickt, um die Flüchtlinge, die dort seit rund einer Woche campieren, an die unga­risch-österreichische Grenze zu bringen. Noch misstrauisch, ob es sich erneut um einen hinterhäl­tigen Trick der Regierung handelt, warten viele Flüchtlinge erst einmal ab. Doch langsam bestei­gen sie die Busse und machen sich wieder auf den Weg, an die nächste Grenze. Nach Tagen des Ausharrens sind sie wieder unterwegs, und nach Tagen brüllender Hitze setzt plötzlich, als ob auch das Wetter einen Schlussstrich unter diese Woche der Kämpfe setzen will, leichter Regen ein.

Im Laufe der Nacht und am darauf folgenden Tag überschreiten mehr als 10.000 Flüchtlinge die österreichische Grenze. Österreich und Deutschland hatten sich bereit erklärt, sie einreisen zu las­sen. Viele weitere machen sich auf den Weg.1

Ungarn war nach dem faktischen Ausscheiden Griechenlands aus dem Dublin-System im Jahre 2011 der erste Schengen-Staat, den die Migrantinnen auf der Westbalkanroute erreichten. Formal für die Durchführung der Asylverfahren zuständig, versuchte die Orbán-Regierung bis in den Au­gust hinein, die Zahl der Migrantinnen durch Abschreckung zu begrenzen. Die Migrantinnen wur­den nach dem Grenzübertritt routinemäßig von der Polizei aufgegriffen und in Registrierungs­lagern unter entwürdigenden Umständen inhaftiert.2 Diese Politik der Abschreckung war im Juni, mit wenigen hundert Migrantinnen täglich, vielleicht noch eine denkbare Option. Als aber die Zah­len im Juli auf über 1000 und im August auf über 3000 pro Tag stiegen, reichten die Kapazitäten in den Lagern nicht mehr aus. Die Migrantinnen wurden, ähnlich wie schon seit langem in Italien, nach wenigen Tagen frei gelassen und schlugen sich durch bis nach Budapest.

Die beiden großen Bahnhöfe in Budapest, Keleti und Nyugati, wurden mit jedem Tag mehr zu Drehscheiben der Migrationen – ein Markt für die Weiterfahrt per PKW oder Lastwagen nach Ös­terreich und weiter nach Passau. Passau sei, so textete der Guardian, „ein Laboratorium der Flüchtlingspolitik“ und „das Lampedusa Deutschlands“:

As dawn breaks, ghost-like figures with sunken heads laden with babies, bundles of food and clothing can be seen trudging slowly along the autobahn. Alongside the usual tips on tailbacks and delays, traffic bulletins on the local radio alert drivers to ‚pedestrians who have been spotted on the A3 between the Austrian border and south Passau‘.

The scenario is not a one-off, but has become a familiar sight for the residents of the southern German town of Passau, as people traffickers drop off a daily average of 700 refugees – mostly Syrians, Afghans and Iraqis. As soon as the smugglers’ vehicles have crossed the border between Austria and Germany, they abandon the refugees in woods, fields, secluded farms, and even on the hard shoulder of the motorway.3

Die Fahrer, die auf der Strecke zwischen Budapest und Passau – sicherlich für gutes Geld, etwa 200 Euro pro Person – den Transport der Migrantinnen mit hohem Risiko organisierten, wurden zu hunderten wegen angeblicher Schlepperei angeklagt und in österreichischen und deutschen Ge­fängnissen inhaftiert. Andererseits wurde die Benutzung der Bahn systematisch unterbunden: täg­lich wurden Migrantinnen mittels eines racial profiling von der ungarischen Polizei identifiziert und aus den Zügen geworfen:

Auf der Fahrt patrouillierten weitere Polizisten permanent durch den Zug und warfen Geflüchte­te, die an späteren Stationen versuchten in den Zug zu gelangen, mit den Worten „Hey my friend, go out!“ umgehend wieder raus. Diese Kontrollen kenne ich seit Monaten. Nicht selten handelt es sich dabei um trinationale Einsätze, d.h. die ungarischen werden von deutschen bzw. österreichi­schen Grenzpolizisten ‚unterstützt‘ bzw. wohl eher überwacht, damit sie nicht zu viel ‚Laissez-faire‘ an den Tag legen.4

Am 27. August entdeckte die österreichische Polizei auf einem Parkplatz bei Wien einen Kühllaster, in dem sich 71 Tote befanden, erstickt in der Enge des Laderaums. Empört über diese Tragödie zeigten sich am lautesten diejenigen Politikerinnen und Medienleute, die einen willkommenen An­lass sahen, die Straßen endlich für die Migrantinnen zu schließen. Empörung gab es aber auch von Seiten ungarischer Aktivistinnen, die das racial profiling auf den Zügen kritisierten und forderten „Let them board the trains!“,5 und sogar der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte „sichere Einreisewege für die Flüchtlinge“ und setzte das Thema auf die Agenda der UN-Vollversammlung.6 An den folgenden Tagen kam es auf den Autobahnstrecken von Ungarn her in Österreich und Deutschland zu massiven Verkehrskontrollen, es bildeten sich Staus von bis zu 50 km Länge.

Abb.12

Flüchtlinge am Bahnhof Budapest Keleti

Die Tätigkeit der Fahrer kam damit zum Erliegen. Zeitgleich aber erreichte die große Gruppe der Migrantinnen, die am 23. August den Durchbruch über die Grenze nach Mazedonien geschafft hat­te, nun Budapest. Am Bahnhof Keleti hatte man eine ‚Transitzone‘ eingerichtet, unter freiem Him­mel, ohne jegliche Infrastruktur und ohne Aussicht auf Weiterreise. Die Polizei hinderte die Mi­grantinnen nach wie vor, die Züge nach Österreich und Deutschland zu benutzen. Die Lage spitzte sich zu. Die Migrantinnen bildeten Gruppen auf dem Bahnhofsvorplatz, setzten ihre Kinder auf die Schultern, klatschten rhythmisch in die Hände und forderten auf Schildern und in Sprechchören die Möglichkeit zur Weiterreise ein – Szenen, die einigen Beobachtern aus den Anfangszeiten des Syrischen Aufstands bekannt vorkamen:

„Haben wir es alle übersehen? Die Bilder und Filme der syrischen Flüchtlinge vom Bahnhof Keleti kamen mir immer so bekannt vor. Wie sie dort standen, wie sie demonstrierten und zusammen­stehen, das rhythmische Klatschen, Arm in Arm eine Welle machen, die selbstgemalten Schilder und Zeichnungen, wie die Fahne getragen wird … All das haben wir zu Beginn des syrischen Auf­stands in Damaskus, in Daraa, in Homs oder auch in Kobane gesehen. Es waren Zeichen der De­mokratie, der Würde und des Freiheitswillen der SyrerInnen, die aufbegehrten gegen die Gewalt des Regimes. Dann begann die Militarisierung der Revolution, der zivile Protest verschwand und wurde zerrieben von Fassbomben und Häuserkämpfen. Aber die Bilder und Zeichen aus Buda­pest beweisen: Alles ist immer noch da, und das, was im Land selbst nicht mehr geht, wird mitge­tragen von jenen, die keine Möglichkeit mehr sehen außer zu gehen und nach Europa zu kommen. Die syrische Flucht exportiert die Zeichen ihrer großen Erhebung: Freiheit und Würde! Ob in Da­maskus, Aleppo, Homs oder Budapest oder Bicske. Die syrische Revolution ist im Land vielleicht besiegt, aber sie ist noch lange nicht tot. Sie geht nur woanders weiter – und kann so auch wieder zurückkehren …“7

Von der angespannten Lage auf dem Bahnhofsvorplatz berichtete Marc Speer am Sonntag, dem 30.08.:

Nachdem es heute Mittag eine weitere Protestaktion gab, ist die Lage am Bahnhof momentan (14.00 Uhr) angespannt ruhig. Allerdings sind mittlerweile noch mehr Menschen als gestern am Bahnhof. Man kann sicherlich von Tausenden sprechen. Die Polizei hat sämtliche Zugänge zum Bahnhof für Flüchtlinge gesperrt. Bereits heute Abend, spätestens morgen dürfte die Lage kom­plett eskalieren: Entweder es gibt einen Aufstand oder eine brutale, groß angelegte polizeiliche Aktion. Oder auch Beides.8

Abb.13

Spiegel Online: Fotostrecke

Über die diplomatischen Aktivitäten, die sich zwischen Deutschland, Österreich und Ungarn in die­sen heißen Tagen abspielten, wissen wir nur weniges. Deutschland und Österreich waren einerseits daran interessiert, die Situation vor dem Keleti Bahnhof zu deeskalieren. Die Bilder von der grie­chisch-mazedonischen Grenze und die Toten im Kühllaster hatten weltweit schon zu viel Aufmerk­samkeit erregt. Man wollte Spannung abbauen, zugleich aber Orbán mit seinem rechtslastigen Ei­gensinn nach Möglichkeit auflaufen lassen. Wie auch immer: ganz unabhängig davon sickerte eine Verlautbarung vom 25. August aus dem deutschen Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), und wie sich herausstellte war es nur eine umstrittene interne Richtlinie ohne rechtliche Bindung, dass Deutschland die Rücküberstellungen von syrischen Flüchtigen bis auf Weiteres aus­setzen werde. Soziale Bewegungen organisieren sich in Gravitationsfeldern der Hoffnung und der Aspirationen, und Menschen in verzweifelten Situationen greifen nach jedem Strohhalm, der sie retten könnte. Die Nachricht aus dem BAMF verbreitete sich unter den Migrantinnen in Windesei­le. Spätestens jetzt wurde Deutschland zum Zielland Nummer 1 in Europa. Zudem sprach sich am 31. August vor dem Bahnhof Keleti das Gerücht herum,

dass Deutschland die in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge per Sonderzug abholen würde, wäh­rend die ungarische Polizei sich komplett vom Bahnhof zurückzog. Ein Run auf die Züge (#trainofhope) setzte ein, im Laufe des Tages konnten mehrere Tausend Flüchtlinge Ungarn ver­lassen und kamen ein paar Stunden später in Wien und bald auch in München an.9

Sind derartige Gerüchte einmal geweckt und durch erkennbare Umstände bestätigt, gibt es ohne Gewalt kein Zurück. Wahrscheinlich setzten die deutschen und österreichischen Innenministerien − von Amts wegen auf einen eher repressiven Kurs − festgelegt, Ungarn unter Druck, oder viel­leicht nahm sich die ungarische Regierung selbst in die Pflicht, Härte zu zeigen. Jedenfalls wurde der Zugang zu den Zügen auf dem Bahnhof Keleti für die Migrantinnen bereits am nächsten Tag wieder geschlossen, obwohl sich noch mindestens 3000 Migrantinnen am Bahnhof aufhielten, und es wurden täglich mehr.10

Inzwischen schreiben wir Donnerstag, den 3. September, und wir nähern uns dem Höhepunkt des Kampfes um das Right to Move im Jahre 2015. Es sind nur wenige Tage, in denen das Europäische Projekt der Ausgrenzung von sozialen Konflikten, der Balance sozialer Degradierungen, das Management der Flüchtingen und, ja, das Projekt der politischen Rationalität selbst nachhaltig in Frage gestellt wurde, so tiefgreifend wie zuletzt im Jugoslawienkrieg.

Das gespannte Abwarten hielt bis zu jenem Donnerstag, dem 03. September an.

An diesem Tag wurden alle internationalen Zugverbindungen ausgesetzt, den Flüchtlingen wur­de jedoch mitgeteilt, dass sie mit Regionalzügen an die österreichische Grenze fahren könnten. Doch der erste Zug mit rund 600 Flüchtlingen wurde 35 km außerhalb von Budapest in einem Ort namens Bicske aufgehalten und von Polizei umstellt. Dort befindet sich eines der ungarischen Flüchtlingslager, in welches die Polizei die InsassInnen des Zuges transportieren wollte. Diese weigerten sich jedoch und verharrten rund 30 Stunden in dem Zug. Gleichzeitig verbreitete sich die Nachricht von der Finte, woraufhin keine weitere Flüchtlinge in Züge stiegen.

Am Freitag, den 4. September, kam es zum bisherigen Höhepunkt dieses Kampfes um Bewe­gungsfreiheit. Wie schon am Vortag angekündigt brachen mehrere tausend Flüchtlinge am frü­hen Nachmittag zu Fuß auf, um sich auf den 170 km langen Marsch an die ungarisch-österreichi­sche Grenze. Ihr erklärtes Ziel: Österreich und Deutschland. Auch in Bicske machten sich rund 300 der am Vortag aufgehaltenen Flüchtlinge zu Fuß auf den Weg und liefen auf den Bahngleisen gen Westen. Schon am Morgen hatten weitere 300 in Röszke, nahe der ungarisch-serbischen Grenze, internierte Flüchtlinge den Zaun um das Lager überwunden, wurden aber später wieder von der Polizei festgehalten. Die am Bahnhof Keleti verbliebenen Flüchtlinge wurden am Nach­mittag von ungarischen Hooligans angegriffen, konnten den Angriff aber zurückschlagen.11

Abb.14

Spiegel-Online: Fotostrecke

Der Marsch gen Westen kam relativ zügig voran und erreichte bald eine zweispurige Autobahn. Die Nachricht vom Aufbruch verbreitete sich quasi in Echtzeit unter dem Hashtag #marchofhope. Die Bilder des Marsches werden in die Ikonographie dieses langen Sommers der Migrationen einge­hen, eine lange Reihe von Menschen, die sich nach einer Woche des Ausharrens die eigene Mobili­tät wieder aneigneten und die Budapest in einer gemeinsam und spontan koordinierten Aktion ver­ließen.

Unter dem Eindruck dieser Bilder und im Wissen um das Risiko einer repressiven Strategie erklär­ten Merkel und Faymann tatsächlich, dass sie die Grenzen öffnen und die Flüchtlinge aufnehmen würden. Sie hatten sich tags zuvor schon auf einem Treffen der Regierungschefs in Brüssel über Orbáns Intransigenz geärgert. Über die Vorgänge, die sich im Hintergrund im politischen Apparat abspielten, berichtete der Spiegel:

In Luxemburg tagen die Außenminister der EU. Der Österreicher Sebastian Kurz zieht seinen deutschen Kollegen Frank-Walter Steinmeier zur Seite. Die Verhältnisse in Ungarn seien kata­strophal, Deutschland und Österreich müssten handeln, sagt er. Steinmeier ruft die Kanzlerin an. … (Später) telefoniert Merkel mit Österreichs Kanzler Werner Faymann, mit Innenminister de Maizière, noch mal mit Steinmeier. Dann fällt die Entscheidung: Die Flüchtlinge werden in Son­derzügen nach Deutschland gebracht. Offiziell erhebt kein Ministerium Widerspruch – aber von der Fachebene kommen dringende Warnungen. Sowohl die Beamten im Außenamt als auch im Innenministerium warnen davor, dass die Entscheidung noch mehr Flüchtlinge nach Deutsch­land locken werde. Merkel ist das egal. Ihr geht es um Europas Ruf. Welches Signal würde es aussenden, wenn Bilder um die Welt gingen, die alte Menschen und Schwangere zeigten, die auf ihrem Marsch nach Deutschland entkräftet zusammenbrechen?12

Abb.15

der Standard

Binnen Stunden organisierte die ungarische Regierung den Bustransport zum Grenzübergang nach Nickelsdorf. Aktivistinnen aus Wien hatten sofort nach dem Aufbruch des March of Hope ange­kündigt, einen Konvoi aus Bussen, Taxis und PKWs zum Transport der Migrantinnen zu organisie­ren, der am Sonntag starten sollte,13 aber das erwies sich als nicht mehr nötig. Noch in der Nacht zum Sonnabend waren 4000 Migrantinnen mit ungarischen Bussen an die Grenze transportiert worden und die ersten waren in Wien bereits in die Züge Richtung Deutschland umgestiegen.14 An diesem einen Wochenende gelangten mindestens zehntausend Flüchtlinge nach Deutschland. Sie wurden in München mit Applaus begrüßt, mit Lunchpaketen und mit Spielzeug für die Kinder.

Über den March of Hope berichtet Ferdinand Dürr, ein Aktivist von Adopt-a-Revolution:

FlüchtlingsaktivistInnen schreiben Geschichte

Die europäische Migrationspolitik fällt

An einer Ausfahrt knapp 30 Kilometer außerhalb der Stadt setzen sich die Menschen zur Rast. Ein Aktivist fährt mit einem Motorroller hin und her und gibt über Megaphon durch, wo gute Übernachtungsplätze sind. Einige gehen hinter die Leitplanke, andere legen sich direkt auf den Standstreifen. Freiwillige Helfer aus den umliegenden Orten bringen Wasser und Lebensmittel, der Fahrer eines LKW mit türkischem Kennzeichen wirft im Vorbeifahren seine Jacke aus dem Fenster. Die Solidarität wird hier greifbar.

Was die erschöpften Menschen in diesem Moment nicht wissen: Mit ihrem Marsch der Hoffnung schreiben sie Geschichte. Denn in diesen Minuten geben die deutsche und österreichische Regie­rung bekannt, dass sie die Paradigmen der europäischen Migrationspolitik über den Haufen werfen und bereit sind, die Flüchtlinge aufzunehmen.

Spät in der Nacht von Freitag auf Samstag erreichen die ersten Busse die Vertriebenen, um sie zur Grenze zu bringen. Doch die bleiben skeptisch. Nach dem Trick mit dem Zug, der ins Lager fahren sollte, ist das Vertrauen in die ungarische Regierung gleich null. Während die Polizei mög­lichst schnell die Autobahn räumen möchte, stellen die SyrerInnen Bedingungen: Ein erster Test­bus müsse die Grenze passieren, bevor die anderen abfahren dürfen. Die Polizei gibt nach. Als die Nachricht eintrifft, dass der erste Bus Österreich erreicht hat, ist kein Halten mehr: Alle wollen mitfahren.

Es entsteht ein Konvoi aus 120 Bussen, der sich in Richtung Grenze bewegt – ein wahrer Mauer­fall. Als es gerade anfängt zu dämmern, strömen im Regen tausende Menschen zu Fuß über die Grenze. Wieder ist es zwischen Ungarn und Österreich, wo eine Grenze fällt – der Vergleich mit 1989 liegt in der Luft.15

Dass der March of Hope am 04. September zum zweiten großen Durchbruch wurde – nach den Er­eignissen an der griechisch-mazedonischen Grenze zwei Wochen zuvor, am 23. August – , war aus der Entschlossenheit in den Gesichtern der Marschierenden vielleicht von vornherein abzulesen, aber noch gab es große Gefahren, so lange der Kampf gegen die ungarischen Lager noch nicht ent­schieden war. Orbán war gerade von seinen Auftritt auf dem Treffen der EU-Regierungschefs in Brüssel zurückgekommen und wollte sich als Mann der Härte beweisen. Der Zaun war fast fertig. Die Gefahr, dass Ungarn die Grenzen schließen und die noch im Land befindlichen Migrantinnen internieren könnte, lag in der Luft:

Eine neue Eskalationsstufe ist erreicht. Während Orbán gestern in Brüssel den Dicken Mann markierte, wurden in Budapest 500 Migrantinnen in einen Zug gelockt, der sie nicht an die Gren­ze brachte, sondern in Bicske, 40 km hinter Budapest, von der ungarischen Polizei zum Halten gebracht wurde. Die Migrantinnen sollten in Busse umsteigen und in ein Lager transportiert werden. Aber sie weigern sich – jetzt, 30 Stunden später, steht der Zug noch immer vor Ort. Noch zögert die Polizei mit der gewaltsamen Räumung.

Unterdessen sind tausende Migrantinnen, die den Zaun überquert haben, in einem Lager in Rösz­ke, gleich hinter der serbisch-ungarischen Grenze, interniert worden. Das Lager ist von einer Polizeikette umstellt – dennoch konnte eine Gruppe von 300 Personen fliehen. Sie werden von der Polizei gejagt. Weitere 2300 Personen haben angekündigt, noch heute gemeinsam auszubrechen. Der Grenzübergang Röszke wurde gesperrt.16

Abb.20

(Foto: Dániel Kováts)

Die 600 Personen, die auch am Freitag noch im Zug vor Bicske ausharrten, weigerten sich indessen standhaft, sich zur Registrierung ins Lager transportieren zu lassen. Die Hälfte von ihnen machte sich parallel zum March of Hope zu Fuß auf den Weg, die Gleise entlang, in Richtung Deutschland. Die andere Hälfte wurde schließlich von der Polizei abgeräumt.

Freitag, 17.45 Uhr. Nach 30 Stunden Stillstand hat die Polizei im ungarischen Bicske mit der Räu­mung des mit mehreren hundert Flüchtlingen besetzten Zuges begonnen. Sie führt eine erste Gruppe, überwiegend Kinder, durch eine Unterführung direkt in einen Bus. Auf sie wartet nun doch das Lager, das sie unbedingt vermeiden wollten. Die Menschen scheinen sich nach fast ein­einhalb Tagen der staatlichen Übermacht gebeugt zu haben.

Etwa zweieinhalb Stunden zuvor lässt die Polizei einen rumänischen Güterzug in den Bahnhof einfahren, der jede Sicht versperrt. Es ist das Startsignal zur Räumung. Behelmte Polizisten mit Schlagstöcken, Schilden und Pfefferspray beziehen Stellung. Die Flüchtlinge dürfen den in der prallen Sonne stehenden Zug nicht mehr verlassen. Die Stimmung ist angespannt. „Bitte, ich habe Hunger“, ruft eine Kinderstimme. …

Nicht weit vom Bahnhof befindet sich das Flüchtlingslager von Bicske, mit Platz für etwa 1000 Menschen. Es ist das einzige der fünf Lager in Ungarn, das die dort untergebrachten Flüchtlinge frei verlassen dürfen, sagt Mark Speer, Vorstandsmitglied von Bordermonitoring Europe. Das weitläufige ehemalige Militärgelände ist mit einem Zaun umgeben und wurde mit etwa einein­halb Millionen Euro von der EU gefördert, wie ein Schild hinter dem Stacheldraht stolz verkün­det.

„Im Sommer war das Lager teilweise so voll, dass Menschen draußen in Zelten übernachten mussten“, sagt Speer. Nun hätten viele ihren Platz aufgegeben und seien weiter nach Westen ge­zogen. „In Ungarn will niemand bleiben.“17

Die Verhältnisse im Auffanglager Röszke, der ersten Station in Ungarn hinter der serbischen Gren­ze, standen während der Ereignisse vom 03. und 04. September als Menetekel im Raum. Keno Ver­sek besuchte Röszke genau in jenen Tagen – hier sein Bericht:

Ein drei Meter hoher Zaun, oben Nato-Stacheldraht, dahinter bewaffnete Wächter und Bereit­schaftspolizisten in Kampfmontur. Das ist der erste Ring. Hier parken Autos und Busse, stehen Baracken und Sanitätszelte. 30 Meter hinter dem ersten folgt der zweite Ring, ein Zaun immerhin ohne Stacheldraht – er umgibt das Zeltlager, in dem die Flüchtlinge untergebracht sind.

Draußen vor dem Lager kommen immer neue Menschen an, sie müssen sich, dicht gedrängt, auf den Sandboden setzen, werden bewacht von einem Kordon aus Bereitschaftspolizisten mit Mund­schutz und Gummihandschuhen. Ein Schäferhund bellt die auf dem Boden hockenden Menschen an.

Das neue Erstaufnahmelager Röszke an der ungarisch-serbischen Grenze – Willkommenskultur, die an Guantanamo erinnert. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen haben keinen Zutritt, Journa­listen natürlich erst recht nicht.18

Der Ausbruch aus den Lagern war zum March of Hope das unabdingbare Komplement. An der Ab­sicht der Orbán-Regierung, die Migrantinnen auf lange Sicht in Lagern zu internieren, gab es schon im Vorfeld keine Zweifel.19 Orbán hatte in den Grenzregionen den Notstand ausgerufen und er wäre nur zu gern mit einem fait accompli, mit einem Grenzzaun und mit geschlossenen Internie­rungslagern, bei der Ministerkonferenz in Brüssel aufgetreten. Allein die Resilenz der Migrantin­nen, auf dem March of Hope und auf den Bahngleisen vor Bicske, hat dies verhindert, im Verbund mit dem Widerstand der in Röszke internierten Migrantinnen, die es durch ihre Flucht aus diesem Lager verhindern konnten, zu Geiseln der Orbán-Regierung zu werden.20

Abb.16

twitter.com

Tränengas im Lager von Röszke

Das Aufnahmelager für Flüchtlinge im süd-ungarischen Röszke ist noch immer Schauplatz von Ausschreitungen. 300 Menschen waren im Laufe des Tages aus dem Lager ausgebrochen, einige konnten von Polizisten wieder zurückgebracht werden.

Noch immer werfen die Flüchtlinge mit Steinen auf die Polizisten in Schutzausrüstung. Die Beam­ten antworten mit Tränengasattacken. Das twittert Szabolcs Panyi vom Nachrichtenportal http://index.hu/. Er spricht zudem von 2.800 Flüchtlingen, die 200 Polizisten gegenüberstehen.21

Verglichen mit diesen wahrhaft historischen Ereignissen, die eben beschrieben wurden, verlief die Passage von Serbien über die Grenze nach Ungarn während der folgenden zehn Tage, bis zur Schließung der letzten Lücke an den Bahngleisen bei Röszke, relativ unspektakulär. Die Erklärung von Merkel und Faymann, dass die Grenzen nach Österreich und Deutschland ohne Obergrenze of­fen bleiben würden, hatte den Druck herausgenommen, und keiner der betroffenen Staaten, von Mazedonien über Serbien bis Ungarn, und später auch Kroatien und Slowenien, musste mehr be­fürchten, dass tausende oder gar hunderttausende Migrantinnen auf ihrem Gebiet stranden wür­den. Die Gnadenlosigkeit der Obán-Regierung war zum Popanz degradiert worden. Das Lager von Röszke wurde nicht zum KZ, sondern es blieb noch 10 Tage lang ein ’normales‘ Durchgangslager, mit Insuffizienzen und chaotischen Szenen ähnlich wie in Gevgelija oder in Presevo.

Der zitierte Bericht von Versek über die Lage bei Röszke fährt fort:

Zwei Kilometer weiter entfernt, direkt an der Grenze, bietet sich ein völlig anderes Bild (als im Lager). Von militärisch-martialischer Performance keine Spur: Hunderte Menschen drängen sich auf einem völlig vermüllten Acker neben Bahngleisen. Es ist der Ort, an dem die Flüchtlinge nach ihrem Grenzübertritt zuerst ankommen.

Polizisten hindern sie daran weiterzulaufen. Stundenlang warten die Menschen auf Busse, wäh­rend freiwillige Helfer Essen, Getränke und Decken verteilen. Irgendwann ist das Erstaufnahme­lager Röszke voll, deshalb müssen viele Flüchtlinge die kalte, windige Nacht zum Montag unter freiem Himmel verbringen. Die Behörden scheinen völlig überfordert mit der Situation, unfähig, eine minimale Notaufnahme zu organisieren. Immerhin, der Rettungsdienst kommt noch und versorgt erkältete, fiebernde Kinder.22

Die wenigen letzten Tage vor der Schließung der Grenze waren allerdings, neben der eben geschil­derten ‚Normalität‘, immer wieder von hektischen Szenen begleitet: Wiederholt wurde die Grenze stundenweise gesperrt und die Sperrren wurden durchbrochen;23 hunderte Flüchtige kampierten aus Angst vor dem Lager in Röszke im Freien und immer wieder gab es kleinere Zusammenstöße mit der Polizei.24 Es ergab sich eine Art ‚Ausnahmezustand von unten‘, den konservative Kommen­tatoren durchaus mit Besorgnis registrierten:

Völker, hört ihr nicht die Signale?

„[…] Es gibt Berichte, wie Migranten Busse wild zu kapern versuchen – auch Überlandbusse pri­vater Unternehmen, die dabei beschädigt werden. Die Polizei reagiert bislang defensiv. Doch lei­det sie offensichtlich unter einem Autoritätsverfall gegenüber den in Gruppen auftretenden Flüchtlingen. Das hat seinen Grund auch in den Bildern, die am vergangenen Wochenende aus Deutschland um die Welt gegangen sind. Sie zeigten Leute, die sich gegen eine Verbringung in Registrierungslager zur Wehr gesetzt hatten, aus Polizeikordons ausgebrochen waren und sich zu Fuß auf den Weg gemacht hatten. Sie setzten ihren Willen durch, wurden mit Bussen aufgele­sen, reisten mit der Bahn weiter und wurden in Wien, München oder Frankfurt mit Beifall empfangen. Andere wollen es ihnen nachtun. […]“

Über die Schließung der ungarischen Grenze berichtet das nächste Kapitel. Hier legen wir, mit ei­nem Epilog vom Bahnhof Keleti, eine kleine Pause ein.

Did we just solve the refugee crisis?

Keleti is silent. The only mark left from the migration crisis is a governmental poster on a bus stop, stating that “the nation has decided this country has to be protected”. Are we now protected, or are the terrorists now here – or wait, was it only their cellphones that are left? Against what are we protected, again, and why do we continue building those fences? Where are all the migrants? Is the migration crisis over?

Budapest seems peaceful and silent after the burning hot crisis that was in front of our eyes du­ring the whole summer. It is a tempting idea to think that it’s over. We are reading about heroic volunteers all over Europe, about amazing people starting new lives in Germany, even the child-kicking racist news reporter is not a newsreporter any more. Couldn’t we just call it a day and get on with our lives as it were, and disregard the fence the fence that “protects” us?

Oh no, that’s not a good idea. Migration will not stop, the least because of some government clo­sing its eyes and borders. Refugees are still coming. Actually, more people than ever in 2015 are crossing the borders of Europe these days. The crisis has merely vanished from our eyes. The Hungarian government has made it invisible to the everyday experience in the capital – and be­cause of that, neither does it bother the mainstream media. They wish to communicate to the public that the Fidesz government has “solved” the issue with the fence, when in fact the crisis has only moved some hundreds of kilometers south and west, and is far from being solved.25

Abb.17

Keleti im November. Bild: migzol


[1] Bernd Kasparek, Marc Speer, March of Hope. Ungarn und der lange Sommer der Migration, http://bordermonitoring.eu/ungarn/2015/09/of-hope/
[2] Doku migzol
[3] http://www.theguardian.com/world/2015/aug/28/refugee-politics-passau-german-west-balkan
[4] http://bordermonitoring.eu/kommentar/2015/08/kommentar-zur-tragoedie-in-oesterreich/
[5] http://www.migszol.com/blog/let-them-board-the-trains
[6] http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-08/ban-ki-moon-beruft-un-fluechtlingsgipfel-ein
[7] Martin Glasenapp, Arabellion in Ungarn, http://ffm-online.org/2015/09/05/arabellion-in-ungarn/
[8] http://ungarn.bordermonitoring.eu/2015/08/30/aktuelle-situation-am-bahnhof-keleti/
[9] Kasparek, Speer, siehe FN 1
[10] Zur Situation vor dem Bahnhof ein Bericht aus der NZZ: http://ffm-online.org/2015/09/03/europaeische-fluechtlingskrise-ohnmacht-und-hoffnung-in-budapest-keleti/
[11] Kasparek, Speer a.a.O.
[12] Der Spiegel 39 / 2015
[13] http://ffm-online.org/2015/09/03/budapest-wien-muenchen-schienenersatzverkehr-selber-organisieren-aufruf/
[14] http://ffm-online.org/2015/09/05/oesterreich-erwartet-heute-bis-zu-10-000-fluechtlinge/
[15] Ferdinand Dürr, Days of Hope, der Marsch der Syrischen Revolution nach Europa, https://www.adoptrevolution.org/march-of-hope-erlebnisse/
[16] http://ffm-online.org/2015/09/05/fuenf-vor-zwoelf/
[17] http://www.taz.de/Fluechtlingszug-im-ungarischen-Bicske/%215230000/
[18] http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-in-ungarn-zwischen-planlosigkeit-und-polizeiwahn-a-1051764.html. Der Film von einer Essensausgabe in Röszke, aufgenommen am Abend des 09.09., ging um die Welt: http://ungarn.bordermonitoring.eu/2015/09/11/essenausgabe-in-roeszke/
[19] http://ffm-online.org/2015/08/30/ungarn-will-fluechtlinge-unmittelbar-an-der-serbischen-grenze-internieren/
[20] http://ffm-online.org/2015/09/08/fluechtlinge-wollen-weg-aus-dem-horror-in-ungarn/
[21] https://derstandard.at/jetzt/livebericht/2000021726924/1000035903/nachlese-livebericht-fluechtlinge-marschieren-auf-ungarns-autobahn-nach-oesterreich
[22] Ungarn: Hunderte Flüchtlinge überwinden Polizeisperre an der Grenze
[23] http://ffm-online.org/2015/09/07/ungarn-hunderte-fluechtlinge-ueberwinden-polizeisperre-an-der-grenze/
[24] http://www.zeit.de/politik/ausland/2015-09/fluechtlinge-mazedonien-ungarn
[25] http://www.migszol.com/blog/did-we-just-solve-the-refugee-crisis

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