Moving Europe

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Sommer der Migrationen

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Those people who die on the beaches (…) and if they were White the whole world would be tremb­ling. (…) When the poor come to you, it’s a crush movement which has to be blocked, but when you with your passport and all the arrogance what that brings, you disembark in the third world and you are on conquered land. So you see the poor who move but you do not see the rich who in­vest in our countries. (…) We must end this hypocrisy: We will be rich together or we will all drown together.1

Dass auf der Ägäis und auf der Westbalkanroute im Sommer 2015 Geschichte gemacht wurde, war allen Beteiligten und auch den Zuschauerinnen und Kommentatorinnen spätestens an jenem 4. September klar, als der March of Hope nicht mit einem Massaker auf der Autobahn zu Ende ging und nicht in ungarischen Lagern endete, sondern als die Menschen einen Tag später mit der Bahn in München ankamen und von einem Spalier der Helferinnen mit Applaus begrüßt wurden.

Die folgenden Kapitel liefern eine Chronik der Ereignisse, streiflichtartig, dokumentarisch, noch nicht aus der Sicht der Migrantinnen selbst und vor allem deshalb von vorläufigem Charakter. Der Text ist kaum mehr als eine Erläuterung der Bilder, die in den Medien präsent waren, und die An­ordnung einer Zeitschiene.

In Zeiten, in denen das politische Denken zwischen Sozialtechnologie und Bombardierungen chan­giert, wird die Kraft sozialer Bewegungen gern unterschätzt, und dazu gehört die Dynamik, mit der sich Migrationsbewegungen entwickeln können. Die IOM rechnet auch für den Winter mit einer Zunahme der Mittelmeerpassagen, und diese, wie auch die Passagen über die Ägäis, die sich zur wichtigeren Achse der Migrationen entwickelt haben, werden sich nur um einen sehr hohen Preis schließen lassen: um den Preis einer exzessiven Militarisierung des Mittelmeerraums und der Er­richtung deutscher Lager in der Peripherie. Die Beschlüsse aus Brüssel zielen auf das Containment der Migrationen. Die Bombardierung soll durch Lunchpakete ergänzt werden. Die Türkei bekommt drei Milliarden. Griechenland muss sich fügen.

Noch sind die Dinge nicht entschieden. Europa ziert sich, die Politikerinnen meinen, das Migrati­onsregime durch eine Art Cordon sanitaire rund ums Mittelmeer doch noch retten zu können und das „Flüchtlingsproblem“ im Innern mit den hergebrachten Mitteln der Sozialpolitik meistern zu können. Aber ein Zurück wird es nicht mehr geben. Eine Million Migrantinnen reichen schon aus, um das Gesicht Kerneuropas zu verändern. Von einer Million auf zwei wird es nur wenige Monate brauchen. Europa steht am Scheideweg: entweder noch mehr Militär, Repression und Lager oder eine soziale Transformation mit offenem Ausgang, eine Willkommenskultur, welche den aus der Arabellion entstammenden Aufbruch der Syrerinnen, die Imaginationen der Afrikanerinnen und die Suche nach Chancen für die Kinder als Forderung begreift, Europa im Kontext vielfältiger ba­sisdemokratischer Bewegungen neu zu beleben.

In welchen Kategorien lassen sich die arabische Revolution in ihrem fünften Jahr und die aus die­sem Aufbruch gespeisten Migrationen beschreiben?

Helmut Dietrich spricht, unter Bezugnahme auf Asef Bayat, von „alltagsgeleiteten Mustern“ der Mobilisierung, von „kollektiven Aktionen nichtkollektiver AkteurInnen“.2

Arjun Appadurai hat auf den Zusammenhang von Migration und Selbstfindung im Zeitalter der in­teraktiven Medien hingewiesen und auf die Bedeutung von Voice, Agency and Debate für das Ent­stehen neuer imaginierter Gesellschaften, die in der Diaspora wirkungsmächtig werden können.3

Peter Gatrell hat die Geschichte der Migrationen des 20. Jahrhunderts als Interaktion von Staat­lichkeit und dem Making der Migratinnen neu geschrieben, um festzustellen, dass Staaten Flüchti­ge produzieren, aber „Refugees also make states“.4

Dies sind Beiträge zu einem analytischen Repertoire, mit dem es möglich sein könnte, ein Ver­ständnis für die innere Dynamik der Migrationsbewegungen zu entwickeln – der wesentliche Bei­trag allerdings wird aus den Artikulationen der Migrantinnen selbst kommen. Es liegt an uns, diese Stimmen nicht in voreiligen Interpretationen und Integrationsforderungen zu ersticken, sondern zu lernen, diese Stimmen zu hören und einen Dialog zu eröffnen.

INHALT

  1. Im Morast von Bulgarien
  2. Idomeni – Gevgelija
  3. Welcome to Serbia
  4. March of Hope
  5. Minenfelder
  6. Der ‚humanitäre‘ Korridor
  7. Idomeni im Winter

[1] Fatou Diome, zit nach http://ffm-online.org/2015/12/26/callout-for-transnational-actions-on-the-6th-february-2016/#more-35922

[2] http://ffm-online.org/2015/12/15/das-jahr-v-der-arabischen-revolution/

[3] Arjun Appadurai, Streben nach Hoffnung, Blätter 1/2016, 95

[4] Peter Gatrell, The Making of the Modern Refugee, Oxford 2013

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